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Leseprobe

Das Funkeln am Lake Champlain

Du kommst spät.“ Mit der typischen Eleganz einer Frau, die alles hatte und alles bekam, stolzierte Megan Linwood die Treppe von der Veranda herunter. Für Ende fünfzig sah sie erschreckend gut aus. Die dunkelblonden schulterlangen Haare glänzten in der untergehenden Abendsonne. Der Teint war vornehm blass, die blauen Augen blitzten. Sie hatte kaum Falten, nur ganz wenige unter den Augen. Der Mund schimmerte in einem zarten Rosé. Sie trug ein zitronengelbes Kostüm und graue Pumps, die vermutlich mehr kosteten als Scarlett in einem Monat verdiente.

„Freut mich auch, dich zu sehen, Mum“, sagte Scarlett lächelnd. Überraschenderweise lächelte ihre Mutter zurück. „Ihr habt das Abendessen verpasst, aber ich habe Rosa gebeten, euch ein paar Sandwiches in den Kühlschrank zu stellen. Es müsste auch noch kalter Braten übrig sein.“

„Wir waren vor einer Stunde bei McDonalds“, sagte Scarlett, ging um das Auto herum und öffnete den Kofferraum.

„Wo ist der Rest eurer Sachen?“, fragte Megan, als sie einen Blick in den Kofferraum warf, wo zwei schwarze Koffer und eine rote Reisetasche lagen.
„Die kommen hoffentlich morgen“, seufzte Scarlett. „Der Fahrer der Spedition hat angerufen und was von einer Panne gefaselt, irgendwo im mittleren Westen.“ Sie hievte die Gepäckstücke aus dem Kofferraum und stöhnte laut auf, als ihr Rücken schmerzte.  „Das kann Josh nachher ins Haus tragen“, sagte Megan.

„Josh?“, fragte Scarlett irritiert.

„Josh. Dein Cousin? Rote Haare, groß, muskulös, du erinnerst dich? Er wohnt seit gestern im Pool- Haus.“

Scarlett hob beide Augenbrauen und starrte ihre Mutter an. „Der Sohn deiner Schwester?“, fragte sie ungläubig. Sie hatte ihn zuletzt mit fünfzehn gesehen. Damals war er ein widerlicher Angeber gewesen, der gerne jüngere Kinder terrorisiert hatte. Er hatte mehrere Sommer bei den Linwoods verbracht.

„Genau der.“ Sie räusperte sich. „Frag nicht“, fügte sie dann hinzu, als Scarlett ihren Mund öffnete.

„Ist Tante Karen auch hier?“

Megan Linwood schüttelte heftig den Kopf. „Sie ist immer noch in Europa. Hat sich einen reichen Libanesen geangelt.“

„Äh … liegt der Libanon nicht in Asien?“

„Natürlich, aber denkst du, die reisen nicht nach Europa? Die beiden machen ausgedehnte Spaziergänge an der Seine.“ Megan rollte theatralisch mit den Augen. „Ich bekomme jede Woche einen zweiseitigen Brief mit sämtlichen Aktivitäten der beiden.“

„Sämtliche? Wirklich?“ Scarlett konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.

„Ja, Sämtliche! Er ist ein sehr gelenkiger Liebhaber, was immer sie mir damit auch mitteilen wollte.“

Scarlett verzog prustend den Mund. „Gelenkig?“

„Könnte auch gelehrig heißen, sie hat ja eine Sauklaue, aber gelehrig ergibt noch weniger Sinn, oder?“

Scarlett nickte. „Vielleicht soll es ja gehorsam heißen.“

Megan kniff die Augen zusammen. „Ich denke nicht.“

„Gewissenhaft?“

„Ich zeige dir den Brief nachher. Ich merke schon, du wirst sicherlich nicht einschlafen können, bevor die Sache geklärt ist.“ Kopfschüttelnd wandte sie sich zum Haus. Ein hochgewachsener Mann mit roten Haaren trat aus einer Hecke, eine Gießkanne in der Hand. Als er die Frauen am Auto stehen sah, winkte er so wild, dass die Gießkanne zu Boden fiel.